Montag, 11. Juni 2007

Auftrag: Überleben!

Pamphlet

Der Besuch des weltweit ersten Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien letze Woche hat mich emotional sehr aufgewühlt und geistig sehr aufgeweckt. Da dieser Zustand erfahrungsgemäß nicht allzulange andauert, schreibe ich meine Gedanken nieder, bevor sie wieder im Nebel des Alltags entschwinden...


Im Rückblick ist es freilich immer leichter, das ganze Bild zu sehen. So ist mir auf einen Schlag bewusst geworden, mit wieviel Leid und Tragödien die mangelnde Mitbestimmung über das Kinderkriegen (mindestens) bis zur Generation unserer Großeltern in Europa und heute noch in den meisten Teilen der Welt verbunden ist. Diese unzählbaren persönlichen Traumatas ziehen auf verschiedenen Wegen weite Kreise, wovon nicht nur die Frauen, sondern auch Männer und Kinder (die Männer und Frauen den Zukunft) betroffen sind, also ganze Gesellschaften, da wir Menschen ja sozial verknüpft sind und uns gegenseitig beeinflussen.

Ich bin ja davon überzeugt, dass gesamte Gesellschaften an (psychischen) Erkrankungen erkranken können - heutzutage ist es in Österreich wohl in erster Linie die Depression (und wohl auch gewisse Formen des Wahns). Die Schicksalsschläge unserer Vorfahren wirken sich weiterhin auf uns aus. Insofern, und natürlich auch, weil auch heute so viel Unrecht passiert, sind wir Teil eines Systems, aus dem wir nicht aussteigen können. Sehr wohl aber unsere Handlungen so setzen können, um dem Unrecht entegegenzuwirken und uns selbst die Hände möglichst wenig schmutzig zu machen. Jede/r Einzelne. Das ist ja überhaupt die einzige Möglichkeit, die ich kenne, irgendetwas zu verbessern, bei sich selbst anzufangen...

Aber der Reihe nach - ich mute den Lesenden zuerst mal die schmerzende Realität zu. Man möge mir Vereinfachungen der Komplexität nachsehen, die für mich leider unumgänglich sind, um meinen Punkt klar zu machen.
Die Natur hat es uns Menschen vorbestimmt, dass wir zu allen Zeiten oft und hoffentlich gerne Sex miteinander haben. Darauf spielt auch der Titel des Blogeintrags an - das Überleben der Spezies Mensch ist grundsätzlich ein integraler Bestandteil von uns. Diesen Überlebenstrieb spüre ich auch auf persönlicher Ebene ganz stark in mir als integralen Bestandteil meiner Person - der Wert des Lebens ist unermesslich hoch, auch wenn ich nichts dafür getan habe, aber auch nichts dafür kann, hier und jetzt (in der Freiheit! im Luxus!) geboren worden zu sein. Ich empfinde das (an meinen weniger jämmerlichen Tagen ;-) als großes Geschenk.
Was den Umgang mit dem Thema Familienplanung anbelangt lebe ich in seligen Zeiten und Orten, da ich die Möglichkeit habe, selbst zu entscheiden, mit wem, wann und vie viele Kinder ich bekommen möchte. Auch wenn ich gerne darüber lametiere, dass es keine passende Verhütungsmöglichkeit für meinen Partner und mich gibt, habe ich mehr Freiheiten als so gut wie alle Frauen vor mir!
Tatsache ist nämlich, dass die Natur 15 Schwangerschaften pro Frauenleben vorgesehen hat (woraus je nach Lebensverhältnissen 10 Geburten folgen, wovon rund sieben Kinder überleben). So gesehen ist es nämlich auch nicht die natürlichste Sache der Welt, einmal pro Monat ihre Regel zu bekommen - sondern nahezu ständig schwanger zu sein, zu stillen, vielleicht 3 Mal die Regel zu bekommen und dann wieder schwanger zu werden.

Früher wie heute sind sieben Kinder jedoch - aus persönlichen, sozialen oder finanziellen Gründen - den meisten Familien zu viel.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war es verboten, Informationen über Empfängnisverhütung weiterzugeben, selbst die eigenen Kinder aufzuklären, da Kinderreichtum ganz im Sinne der Machthabenden (Staat, Militär, Patriachat...) war. Heute spielt "die Kirche" mit ihrer fragwürdigen "Politik" eine größere Rolle als damals (ich muss zugeben, dass ich angesichts meiner Ausführungen unten nun besser verstehen kann, wie sie dazu kommt, etwa zu predigen , Sex nur zum Dienste der Fortpflanzung zu praktizieren; aber nun da es Möglichkeiten zur Beschränkung der Kinderzahl aus den verschiedenen Gründen gibt, ist diese Argumentation für mich persönlich hinfällig geworden). Die Forschung war sehr eingeschränkt dadurch, dass Leichen nicht seziert werden durften und somit nicht mal Informationen (schon gar nicht in der durchschnittlichen Gesellschaft verbreitete) darüber bestanden, wie etwas die inneren Geschlechtsorgane der Frau aussehen. Viele vermeintliche Verhütungsmethoden hielten sich trotz ihrerer Wirkungslosigkeit oder Schädlichkeit (etwa bleibende Unfruchtbarkeit durch Verätzungen) über Jahre, was wohl auch nur dadurch möglich war, dass nur unter der Hand darüber geredet wurde. Meine Großmutter hat mir anvertraut, dass ihre Mutter ihr noch als erwachsene junge Frau eingebleut hat, dass sie schwanger wird, wenn sie einem Mann ein Busserl gibt!
Das mangelnde Wissen hat natürlich erst recht fatalere Folgen, wenn es darum geht, bestehende unerwünschte Schwangerschaften abzubrechen, was vollkommen verpönt war. Statistisch gesehen hat es die Überlebenschancen der Frauen erhöht, das Kind auszutragen und (auch alleine) zu gebären, als abzutreiben. Die Methoden, die hierzu angewendet wurden sind so grausam und lebensgefährlich, dass ich sie hier gar nicht im Detail darstellen möchte. Die Dunkelziffer an Neugeborenen, die sogleich ermordet wurden, ist unabschätzbar hoch. In typisch österrischer Manier hat man sich auch einen Namen für den "Berufsstand" überlegt, der die dahinterstehende Grausamkeit in abstoßender Weise verniedlicht: "Engelmacherin". Das waren Leute, die offenbar nichts mehr zu verlieren hatten, und (zunächst das Abtreiben, dann auch) das Ermorden von Kindern übernahmen.

Hierzu gibt es ein altes Wienerlied:
http://www.wienerlieder.at/index.asp?flangu=DE-DE-WI&aflangu=DE-DE-WI&n1=0&n2=0&m=0&ObjID=7338&crit=&app=2&page=1

Auch wenn ich weiß, dass das Verhältnis zu Babys aufgrund der hohen Säuglingssterblichkeit ein anderes war als heute, können die beteiligten Menschen doch diese Schritte unmöglich mit ihrem Gewissen vereinbart haben, auch wenn es für sie der einzige Ausweg war (das eine schließt das andere ja nicht aus). Ich glaube nicht, dass es an irgendeinem Menschen spurlos vorrüber gehen kann, wenn er sich eine Stricknadel in den Bauch sticht um eine Fehlgeburt einzuleiten oder sein Baby eigenhändig ermordet oder es einer Mörderin übergibt. Ich kann das Ausmaß der Verzweiflung und des gesellschaftlichen Drucks, die einen zu solchen Schritten veranlasst nur erahnen.
In jedem Fall bin ich davon überzeugt, dass solche Traumata Spuren auf der Seele hinterlassen und die Persönlichkeit und das Leben bleibend verändern (und zwar zum Schlechteren). Selbst wenn man versucht, alles zu verdrängen läuft man Gefahr, seine Menschlichkeit zu verlieren. Und diese einzelnen Menschen haben die Gesellschaft zusammengesetzt (und waren Eltern, die ihr Weltbild an ihre Kinder weitergaben), diese Schicksale in unseren Familien sind unsere Vorgeschichte, auf der unsere Leben aufbauen.

Das klingt für Außenstehende vielleicht esoterisch, aber: Ich kenne Stimmen aus meinem Inneren, die schreien: "Tu etwas gegen dieses massive Unrecht, das uns widerfahren ist!" Es sind die Generationen von Frauen vor mir, die mich dazu auffordern, für sie zu kämpfen. Dieser Ruf hat gefühls-und verstandsmäßig nichts mit mir persönlich zu tun, denn ich bin selbst keine benachteiligte Frau. Ich glaube ja, dass wir alle unbewusste Aufträge von unseren Vorfahren in uns tragen, bei denen wir, wenn wie sie uns bewusst machen, entscheiden können, ob wir sie annehmen, oder nicht. Ich weiß noch nicht, wie ich mit diesem drängenden und fremden Auftrag umgehen soll...

Der Punkt ist: So gut wie jedes Mitglied der Gesellschaft war vom oben geschilderten Problem persönlich betroffen, hat am eigenen Leibe erfahren, welches Leid damit verbunden sein kann, und doch wurde der gesellschaftliche Druck aufrecht erhalten und der Schein um jeden Preis gewahrt.

Mich ermuntert dieses Paradoxon umso mehr, soweit mir möglich, gesellschaftliche Vorgaben im Hier und Heute weiterhin kritisch zu hinterfragen und keinesfalls als gegeben hin- und anzunehmen. Damals wie heute läuft vieles einfach falsch, auch wenn und gerade weil die Menschen mitmachen, die es in der Hand hätten, es anders zu machen.
Ich habe selbst Blut an meinen Händen, jeden Tag auf's Neue, einfach weil ich so lebe, wie ich lebe. Ich trage durch meine Lebensstil aktiv zum Unglück anderen Menschen bei (und trage auf der anderen Seite auch aktiv zum "Glück" anderer Menschen bei, beides zugleich ist der Fall). Es ist höhnisch, etwa der Generation des dritten Reiches vorzuwerfen: "Wie konntet ihr das zulassen, wie konntet ihr mitmachen?" wenn ich heute nicht mal behaupten kann, dass ich nichts davon weiß, dass wir aktiv auf den Untergang der Menschheit zusteuern, indem wir das Unrecht auf der Welt aufrechterhalten und das Umweltsystem der Erde derart beschädigen und ich zu beidem meinen Beitrag leiste.

Es wird mir niemals möglich sein, mich in allen Bereichen gut genug auszukennen, um alles richtig zu machen. Hätte ich hierbei einen perfektionistischen Schwarz-Weiß-Denkerei-Ansatz, wäre ich von vorneherein zum Scheitern verurteilt und hätte eine brauchbare (und zugleich nach meinen moralischen Maßstäben unzulässige) Ausrede, von vornherein gleich gar nichts zu versuchen.
Ich haben aber die Möglichkeit, in meinem Rahmen mein gut-genug Bestes zu versuchen um die Informationen zu erhalten, die es mir ermöglichen, meine Handlungen so zu setzen, dass sie meiner inneren Richterin bei der Gewissensprüfung standhalten.
Fehler muss ich in Kauf nehmen, weil sie mir als der vergleichsweise niedrigere Preis erscheinen, als wenn ich mich für den Stillstand und die Handlungslosigkeit entscheiden würde. Platt formuliert: Lieber ein fehlerhafter Mensch als ein Stein. Diese zweite Möglichkeit kommt für mich nicht in Frage, weil sie beinhalten würde, dass ich mich meiner Verantwortung entziehe. Denn auch wenn ich nicht um mein Leben gebeten habe, siehe oben, und ob ich will oder nicht, bin ich verantwortlich für mich und mein Leben. Ich habe das Glück, Möglichkeiten zu wählen zu haben, und ich habe Möglichkeiten, diese Möglichkeiten auszuweiten, mich selbst immer mehr zu empowern. Diesbezüglich kenne ich nur den Weg, an mir selbst zu arbeiten, mich besser zu verstehen und aus meinen Fehlern zu lernen.

Ich muss die Konsequenzen meiner Handlungen tragen, und ich will mir von meinen Kindern eines Tages möglichst wenig Vorwürfe anhören müssen. Wofür bisher die Chancen schlecht stehen. Denn falls der Eindruck entstanden ist, dass ich mich hier als eine scheinheilige Moralapostelin darstelle: Es stimmt, ich habe viele Fehler gemacht und ich lebe noch nicht (ausreichend), was ich predige! Ich bin erst auf dem Weg und werde meine Ziele im Laufe meines Lebens nicht erreichen können. Aber immerhin werde ich sagen können, ich habe mich nach bestem Wissen und Gewissen auf den Weg gemacht.

In diesem Sinne (frei nach Blumentopf):

Fuck the system, wenigstens ein bisschen!

SonRisEvA


Hier der Link zum sehenswerten Museum, dem ich den willkommenen Denkanstoss zu verdanken habe:

www.muvs.org

1 Kommentar:

SonRisEvA hat gesagt…

Credits: Danke an 3 meiner FreundInnen, die mir dabei geholfen haben, meine Gedanken zu sortieren. :-)